Oratorienchor Detmold singt Louis Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“
Zu Lebzeiten wurde sein Name in einem Atemzug mit Ludwig van Beethoven (1770–1827) und Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) genannt: Louis Spohr (1784–1859). War er seinerzeit ein höchst erfolgreicher Komponist, ist er heutzutage ein so gut wie Unbekannter. Zu Unrecht, wie Prof. Florian Ludwig, Leiter des Oratorienchors Detmold meint: „Spohr war einer der ‚Superstars‘ seiner Zeit. Es ist ebenso bedauerlich wie unverständlich, dass seine Musik heute nahezu von den Konzertpodien verschwunden ist.“ Das gilt auch für Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“, das Ludwig am Sonntag, 29. März, um 18 Uhr, auf die Bühne des Konzerthauses bringen wird. Es musizieren der Oratorienchor Detmold, Solisten und Solistinnen der Gesangsklassen der Hochschule für Musik sowie die Nordwestdeutsche Philharmonie.
Passionsgeschichte unter einem neuen Blickwinkel
Offenbar unter dem Eindruck einer Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ schrieb Louis Spohr Mitte der 1830-er Jahre sein drittes Oratorium. Anders jedoch als bei Bach gibt es hier keinen Evangelisten, der von den letzten Stunden Jesu berichtet, sondern Maria und der Jünger Johannes führen den Hörer durch das Geschehen: emotional, teilnahmsvoll und unmittelbar betroffen. Und auch, dass der frei gedichtete Text des Theologen Friedrich Rochlitz sich gar eine Fassung einer Passion ohne Pilatus erlaubt, die zudem keinerlei Zitate aus dem Neuen Testament enthält, ist ein Novum. Spohr folgte damit dem Trend seiner Zeit und vertonte die Leidensgeschichte Christi auf fast opernhaft-dramatische Weise. Sein Passionsoratorium ist ein Bindeglied zwischen der Tradition von Johann Sebastian Bach und der hochemotionalen Romantik – nicht mehr liturgisch geprägt, aber dennoch tief durchdrungen vom religiösen Inhalt.
Klänge, die unter die Haut gehen
Das Geschehen widerspiegelnde Volkschöre und chromatisch gefärbte Klagegesänge prägen das etwa anderthalb Stunden dauernde Werk ebenso wie poetische, fein orchestrierte Arien und erhaben-feierliche Gesangspassagen. Dräut in der Ouvertüre ein düsteres, sich in wehen Halbtonschritten windendes Fugenthema, künden andernorts herbe Chromatik und schmerzliche Dissonanzen vom Ausdruck menschlicher Tragik. Nicht weniger packend ist das eindrucksvolle Klanggemälde, das Louis Spohr für den Kreuzestod heraufbeschwört. Dieses geradezu musikalische Erdbeben lässt wohl keinen Hörer kalt, bevor Hoffnung und Trost das Werk mit der Verheißung für eine Zukunft „in jenem besseren Leben“ schließen.
Erbe mit Schatten
Mit der in Tönen gefassten Gestaltung solch bewegender Gefühlsäußerungen gelang Spohr eine bis dahin ungekannte Expressivität, die „Des Heilands letzte Stunden“ zu einem der meistgehörten Passionsoratorien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte. Zugleich spiegelt das Oratorium ein Stück lebendiger Frömmigkeit seiner Zeit. So begegnen dem Hörer Passagen, die heute erklärungsbedürftig sind: Der religiöse Antijudaismus des 19. Jahrhunderts ist fest in die Texte seiner Zeit eingeschrieben. Das Narrativ vom „jüdischen Gottesmord“ hallt in den mächtigen Chören des Oratoriums wider. Sich aus künstlerischer, historischer und gesellschaftlicher Perspektive aktiv mit diesem Erbe auseinanderzusetzen – auch das ist Anliegen Prof. Ludwigs und des Oratorienchors Detmold. Mittels zweier in das Oratorium integrierter Auftragskompositionen wird die Musik reflektiert, gebrochen und neu kontextualisiert. Das Ziel? Den Spohr‘schen Klangkosmos zu bewahren, ohne die problematischen Botschaften unkommentiert zu lassen. Die beiden Kompositionen „Entgegnung“ und „Jüdisches Nachtgebet“ des jüdischen Komponisten Max Doehlemann zeigen, wie zeitgenössische Musik als Kommentar fungieren kann und eröffnen einen Dialog zwischen den Jahrhunderten. „Das empfundene Dilemma und Unbehagen können nur durch intensive Auseinandersetzung mit den Hintergründen sowie Aufklärung und Information aufgefangen werden. Über das Problem einfach hinwegzusehen, ist heute kein gangbarer Weg mehr“, so Prof. Florian Ludwig.
Auch eine Einführungsveranstaltung am Sonntag, 29. März, um 11 Uhr, im Gartensaal des Palais‘ geht auf diese Thematik ein. Hier erhalten Interessierte von Prof. Dr. Dominik Höink, Instituts- und Studiengangsleiter am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn, sowohl aufschlussreiche Einblicke in die musikalischen Aspekte des Oratoriums, als auch in dessen Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Ein umfangreiches Programmheft mit erläuternden Texten ergänzt das Projekt.
Vorverkauf
Eintrittskarten für das Konzert, das der Oratorienchor Detmold in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik Detmold veranstaltet, kosten je nach Sitzplatzkategorie 32 Euro, 27 Euro oder 22 Euro. Schüler und Studierende bezahlen 16 Euro, 13,50 Euro oder 11 Euro. Erhältlich sind die Tickets in der Tourist-Information Detmold, in den Vorverkaufsstellen von Reservix sowie im Online-Ticketshop der Hochschule für Musik Detmold auf www.hochschule-detmold.reservix.de. (kh)

Führen Louis Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“ auf: die Sängerinnen und Sänger des Oratorienchores Detmold. Foto: Eva Maria Richter














