Ein unbekannter Brief von Annette von Droste-Hülshoff für das Westfälische Literaturarchiv

Münster (lwl). Ein bisher völlig unbekannter Brief von Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848) zieht ins Westfälische Literaturarchiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ein. Das Droste-Forum e.V. hat den Brief in Kooperation mit der Droste-Forschungsstelle der Literaturkom­mission für Westfalen bei einer Auktion ersteigert und stellt ihn dem Westfälischen Literaturarchiv im LWL-Archivamt in Münster als Dauerleihgabe zur Verfügung. Förderung kam von der Kunststif­tung NRW.

Annette von Droste-Hülshoff schrieb an einem klirrend kalten Samstag im Jahr 1843 im Rüschhaus einen langen Brief an ihre gute Freundin Elise Rüdiger (1812 – 1899), die in Münster wohnte. „Mein lieb Herz, …“ Bisher war der Brief völlig unbekannt. Er ist nirgends verzeichnet oder veröffentlicht. „Die Forschung hat ihn nie gesehen. Bei einer so gut erforschten Autorin wie Droste ist es eine Sen­sation, dass nach mehr als 150 Jahren ein unbekannter Brief auftaucht“, so Dr. Anke Kramer, Leite­rin der Droste-Forschungsstelle bei der Literaturkommission für Westfalen.

Am Montag (22.6.) nahm LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger den Brief im Fest­saal des Erbdrostenhofs von Dr. Jochen Grywatsch, dem Vorsitzenden des Droste-Forums, und Pro­fessor Dr. Dr. Thomas Sternberg, Präsident der Kunststiftung NRW, entgegen. Bürgermeisterin An­gela Stähler war als Vertreterin der Stadt Münster zugegen. Bevor die geladenen Gäste den Brief selbst in Augenschein nahmen, stellten Grywatsch und Kramer ihre Neuerwerbung gemeinsam vor und erläuterten einige Fragen, die der Brief aufwirft.

Der vierseitige Brief begleitete einen französischen Roman, den Droste ihrer Freundin zurück­schickte, nachdem sie ihn gelesen hatte. Der Austausch von Büchern und Zeitschriften mit Elise Rüdiger war in ihrer Zeit im Rüschhaus für sie ein wichtiger Weg, im literarischen Leben so gut wie möglich auf dem neuesten Stand zu bleiben. Sie äußerte sich in ihrem Brief ausführlich über literari­sche Projekte schreibender Frauen: über die französische Gegenwartsliteratur (mit einem kleinen Seitenhieb auf die Erfolgsautorin George Sand), über das vor Kurzem gescheiterte Projekt einer Frauenzeitschrift, die ausschließlich Texte von Autorinnen druckte, über ihre Münsteraner Schrift­stellerkollegin Louise Bornstedt und deren Bekanntschaft mit Balzac in Paris. Doch der Brief enthält auch Privates: eine düstere Vorahnung ihrer schwangeren Schwägerin, der Burgherrin auf Burg Hülshoff, die glaubte, bei der bevorstehenden Geburt ihres elften Kindes sterben zu müssen, Drostes eigene angegriffene Gesundheit und die rührende Sorge ihrer Mutter um sie sowie die Sehnsucht nach schnellerem Austausch mit ihrer Freundin, wie sie für uns heute durch Textnach­richten selbstverständlich ist. Droste dachte an eine Kommunikation mit verschiedenfarbigen Flag­gen, die sie bei einem Besuch bei ihrer Schwester in Eppishausen in der Schweiz kennegelernt hatte:

„In Eppishausen wohnten am gegenüber liegenden Berge – aber 1,5 Stunde weit – unsere liebsten Nachbarn – Thurns – und wir sahn jeden Abend die Lichter im Familienzimmer sich entzünden und, einige Stunde später, an den Treppenfenstern hinauf sich im oberen Stock zerstreuen – den ganzen Tag parlirten wir durch Flaggen – rothe – blaue – weiße – und in beyden Häusern stand der Tubus immer wohlgerichtet am offenen Fenster – was meinen Sie, Elise, wenn wir es auch so haben könn­ten? – eine grüne Flagge ‚die Kranken sind besser‘ – eine blaue – ‚ich habe interessante Nachrich­ten‘ – eine rothe – ‚ich komme'“ (Annette von Droste-Hülshoff: Brief an Elise Rüdiger aus dem Früh­jahr 1843, Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt, Depositum Droste-Forum, Bestand 1030-5/136).

Bei einem Auktionskauf stellt sich natürlich auch die Frage: Ist der Brief überhaupt echt? Den letz­ten Beweis dafür liefert ausgerechnet eine Fälschung: Das Papier, auf dem Droste den Brief schrieb, trägt ein gefälschtes Wasserzeichen einer englischen Papiermühle – ein Fall von Produktpiraterie im 19. Jahrhundert. Genau dieses Papier verwendete Drostes Mutter in dieser Zeit für viele Briefe. Of­fensichtlich hatte sich die Familie Droste-Hülshoff einen Vorrat davon gekauft. Und schließlich meldete sich vor wenigen Tagen die Voreigentümerin des Briefs: Sie legte lückenlos seinen Weg vom Nachlass von Elise Rüdigers Freundin Ottilie von Goethe über verschiedene Eigentümer bis in eine private Salzburger Autographensammlung dar. Aus Österreich ist der Brief jetzt wieder nach Westfalen zurückgekehrt.

Wie fragil der Brief ist, zeigt seine erste Seite. Ein Tintenfleck hat das Papier über die vielen Jahre so stark zersetzt, dass ein Loch entstand. „Im LWL-Archivamt wird der Brief unter optimalen klimati­schen Bedingungen gelagert und steht – auch digital – der Forschung und Öffentlichkeit zur Verfü­gung“, sagte Dr. Arnold Otto, Referatsleiter im LWL-Archivamt. Das Westfälische Literaturarchiv ver­wahrt den weitaus größten Teil von Annette von Droste-Hülshoffs literarischem Nachlass – der neue Zugang vervollständigt ihn weiter. Das Droste-Forum e.V. hat dazu schon vielfach beigetra­gen, indem es Handschriften aus Drostes Nachlass angekauft und dem Westfälischen Literaturar­chiv als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat. „Angefangen mit unserer Stifterin Dr. Susanne Amrain, die sich besonders für die Erforschung der Literatur von Frauen eingesetzt und bereits vor zwanzig Jahren einen Brief Annette von Droste-Hülshoffs erworben hat“, so Grywatsch.

„Als bedeutendes Kulturgut trägt dieser Brief dazu bei, das kulturelle Erbe zu bewahren, das in un­serer Region von Frauen geschaffen wurde. Der LWL engagiert sich besonders dafür, Kulturgüter von Frauen zu sichern und zu erforschen, etwa mit dem Westfälischen Literaturarchiv im LWL-Ar­chivamt, der Droste-Forschungsstelle oder der Unterstützung der Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung“, so Rüschoff-Parzinger. „Wer mehr über Drostes Schreiben und ihr Leben im Rüschhaus erfahren möchte, ist zum Besuch in der neuen Ausstellung ‚Droste Welten‘ eingeladen, die vom Burg Hülshoff – Center for Literature organisiert und am 1. Juli im Rüschhaus eröffnet wird.“

Dr. Jutta Nunes-Matias, Archivarin im Westfälischen Literaturarchiv, Dr. Arnold Otto, Referatsleiter im LWL-Archivamt, Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, LWL-Kulturdezernentin.
Foto: LWL/Nikolaus Urban

Annette von Droste-Hülshoff: Brief an Elise Rüdiger aus dem Frühjahr 1843, Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt, Depositum Droste-Forum, Bestand 1030-5/136 (Digitalisat der ersten Seite).
Foto: LWL/Nikolaus Urban